
Ein besonderes Kennzeichen des Gutamål sind die vielen Diphthonge (wie zum Beispiel stain, bain, auge und raud). Es findet sich auch ein Triphthong, den es sonst in keiner anderen skandinavischen Sprache gibt (iau). Die vielen Diphthonge im Gutnischen können anhand von Beispielsätzen wie dem nachfolgenden aufgezeigt werden (alternative Schreibweisen jeweils in Klammern): Tråur (tror) däu, att dein (däin) måur (mor) seir (säir) dein (däin) kåu (ko). Ins Deutsche übersetzt: Glaubst Du, dass Deine Mutter Deine Kuh sieht.
Im Folgenden werden die Entwicklungslinien einzelner Laute skizziert (ausgehend vom Altnordischen und den benachbarten skandinavischen Sprachen Dänisch und Schwedisch).
Die Diphthonge ai, au und oy (åi)
Diphthonge fanden sich früher auch im Altnordischen, verschwanden jedoch im Mittelalter größtenteils aus den beiden sich entwickelnden ostnordischen Sprachen Dänisch und Schwedisch (ostnordische Monophthongierung). Im Gutamål / Gutnischen haben sie sich bis heute gehalten. Eines dieser primären Diphthonge ist ai, der sich im Dänischen und Schwedischen zu e weiterentwickelt (monophthongiert) hat. Die Diphthonge au und oy (ey) haben sich im Dänischen und Schwedischen zu ø bzw. ö entwickelt.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Bein |
bein |
ben |
ben |
bain |
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Heim, Zuhause |
haima |
hjem |
hem |
haim |
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Eiche |
eik |
eg |
ek |
aik |
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Auge |
auga |
øje |
öga |
auge |
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Brot |
brauð |
brød |
bröd |
braud (auch bröi) |
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Ohr |
eyra |
øre |
öra |
åire |
Die genannten Diphthonge finden sich auch im Nynorsk (vlg. dort: heim, auga und øyra).
Diphthongierung der langen Vokale i, y, u und o zu ei/äi, öi, äu und åu/ou/åo
Einige Diphthonge haben sich im Gutamål auch neu aus den in früheren Sprachstufen lang ausgesprochenen Vokalen i, y und u gebildet, die jeweils zu ei/ai, öi und äu verändert wurden. Diese neu gebildeten Diphthonge werden auch als sekundäre Diphthonge bezeichnet.
In weiten Teilen Gotlands ist auch das lange o zu ou/åu diphthongiert worden. Eine Ausnahme bildet das südliche Gotland. Ausnahmen können auch in Entlehnungen aus dem Schwedischen und Dänischen bestehen. Im schriftlichen Gutamål wird der Laut meist als o geschrieben.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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langes i → ei / äi |
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beißen |
beita |
bide |
bita |
beite (bäitä) |
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gleiten |
gleiðr |
glide |
glida |
gleide (gläidä) |
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Reim |
rīm |
rim |
rim |
reim (räim) |
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Leim |
līm |
lim |
lim |
leim (läim) |
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oft, häufig |
tītt |
tit, ofte |
titt, ofta |
teit (täit) |
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langes y → öi |
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Ort, Stadt |
býr |
by |
by |
böi |
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neu |
nȳ |
ny |
ny |
nöi |
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langes u → äu |
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Du |
þū |
du |
du |
däu |
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Bauch |
būkr |
mave, bug |
mage, buk |
bäuk |
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Mauer |
mūrr |
mur |
mur |
mäur |
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langes o → åu / ou / åo |
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Sonne |
sōl |
sol |
sol |
såul / soul (schriftlich meist: sol) |
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Wald |
skōgr |
skov |
skog |
skåug / skoug (schriftlich meist: skog) |
Entsprechend heißt es im Gutamål:
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Nachrichten |
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nyheder |
nyheter |
nöihaitar |
Diphthongierung des altgutnischen y zu öi
Ein gotländisches Spezifikum sind solche Wörter, die im Altnordischen den Vokal œ beinhaltet haben. Dieser entspricht im Dänischen und Schwedischen dem Vokal ø bzw. ö. Im Altgutnischen fand sich stattdessen ein y, womit sich das Gutnische hier bereits früh von der Entwicklung der übrigen skandinavischen Sprachen absetzte.
Ab der Frühen Neuzeit breitete sich (über den Einfluss des Dänischen und Schwedischen) in weiten Teilen Gotlands schließlich an Stelle des y der Diphthong öi aus. Der so neu entstandene Diphthong wirkt so beinahe wie ein sprachgeschichtlicher Spagat zwischen dem festland-skandinavischen ö und dem genuinen gotländischen y. Verfechter einer eher etymologischen Orthographie präferieren daher bis heute die Schreibweise mit y (also zum Beispiel byn statt böin).
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Deutsch |
Altnordisch |
Altgutnisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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begegnen, treffen |
mœta |
myta |
møde |
möta |
möite (möitä) |
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führen |
fœra |
fyra |
føre |
föra |
föire (föirä) |
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Gebet |
bœn |
byn |
bøn |
bön |
böin |
Auch bei Entlehnungen aus dem Dänischen oder Schwedischen mit einem ø- bzw. ö-Laut findet sich der öi-Diphtong (mit Ausnahme des südlichsten Gotlands) Anwendung. Beispiel wäre stöiv für das aus dem Dänischen stammende støv für Staub. Ein anderes Beispiel wäre bröi (neben dem älteren Ausdruck braud, vgl. altnordisch: brauð) für Brot.
Teilweise Diphtongierung der langen Vokale e und æ zu ei
Die Tendenz zur Diphthongierung lässt sich auch bei dem sonst lang gesprochenen e und æ (schwedisch: ä) feststellen, das sich in weiten Teilen Gotlands zu einem ei weiterentwickelt hat. Im nördlichen und zentralen Gotland wird der Laut noch breiter wie äi gesprochen. Somit lassen sich unterschiedliche Realisierungen festhalten.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Recht |
rēttr |
ret |
ret |
ret / reit |
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Nächte |
nætti |
nætter |
nätter |
netar / neitar |
Der Triphtong iau / jau
Neben den genannten Diphthongen findet sich im Gutamål mit iau / jau auch ein Triphtong, den es sonst in den anderen skandinavischen Sprachen nicht gibt. Dieser Triphthong war bereits im Altgutnischen vorhanden.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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tief |
djūpr |
dyb |
djup |
djaup(ar) / diaup(ar) |
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niesen |
hnjōsa |
nyse |
nysa |
njause |
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schießen |
skjōta |
skyde |
skjuta |
skjaute / skiaute |
Beibehaltung des langen Vokales a und der kurzen Vokale i, y und teilweise u
Wie oben beschrieben haben sich viele früher lang ausgesprochene Vokale im modernen Gutamål diphthongiert. Andere Vokale aus dem Altnordischen / Altgutnischen haben sich im Gutamål gehalten. Nachfolgend die Beispiele des langen a und des kurzen i, y und u.
Das lange a
Im Gutamål wurde das lang gesprochene a aus dem Altnordischen beibehalten und hat sich nicht zum Beispiel zu einem å weiterentwickelt.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Boot |
bātr |
båd |
båt |
bat |
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weinen |
grāta |
græde |
gråta |
grate |
Das kurze I und y
Auch das kurze i und das kurze y wurden im Gutamål beibehalten.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Schiff |
skip |
skib |
skepp |
skip |
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Schmied |
smiðr |
smed |
smed |
smid |
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folgen |
fylgja |
følge |
följa |
fylge |
Das kurze u
Auch das kurze u aus dem Urnordischen ist oft beibehalten worden. Jedoch wird das vor einem einzelnen Konsonanten stehende u in der Aussprache meist zu iu diphthongiert und entsprechend länger gesprochen (vergleichbar mit der Aussprache des Mittelteils der englischen Wörter few und view) - wenngleich dies in der Schriftsprache nicht immer abgebildet wird. Vor einem Doppelkonsonanten bleibt das einzelne kurze u jedoch erhalten.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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in der Aussprache diphthongiert zu→ iu |
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Tür |
dyrr |
dør |
dörr |
diur (schriftlich meist: dur) |
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Loch |
hol |
hul |
hål |
hiul (schriftlich meist: hul) |
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Sohn |
sonr, sunr |
søn |
son |
siun (schriftlich meist: sun) |
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aber vor einem Doppelkonsonanten → u |
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Bock |
bukkr |
buk |
bock |
bukk |
Hinweis: Bei Wörtern, die auf ein kurzes u vor Konsonanten zurückgehen und daher in der Aussprache eigentlich zu iu diphthongiert werden müssten, finden sich zum Teil auch Beispiele einer (bisher als fehlerhaft angesehenen) Diphthongierung zu äu (wie dies beim langen u der Fall ist). So finden sich Beispiele mit däur statt dur/diur für das Wort Tür.
Hinzufügung eines j vor e und ä
In vielen Fällen wurde einem e-Laut ein j vorangestellt.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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ist |
er |
er |
är |
jer (jär) |
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Mehl |
meldr |
mel |
mjöl |
mjel (mjäl) / mjöl |
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sechs |
sex |
seks |
sex |
sjeks (sjäks) / siex |
Unbetonte Vokale
Unbetonte Vokale am Wortende wie a sind zu e (oder ä) abgeschwächt worden. Dies wird zum Beispiel bei Infinitivendungen deutlich.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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nennen |
kalla |
kalde |
kalla |
kalle |
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rufen |
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råbe |
ropa |
rope |
Auch i am Wortende wurde oft zu e abgeschwächt. Jedoch hat sich das i auf Fårö und in Teilen des nördlichen und nordöstlichen Gotlands im Wortende halten können.
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Deutsch |
Altnordisch |
Dänisch |
Schwedisch |
Gutamål |
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Gürtel, Gurt |
belti |
bælte |
bälte |
bälte / bälti |
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Erinnerung |
minni |
minde |
minne |
minne / minni |