Hier sollen in Zukunft noch weitere kleinere literarische Texte, Ausdrücke und Redewendungen gesammelt werden.

Alternative Schreibweisen sind in Klammern angegeben. Für Hinweise, Ergänzungen oder Korrekturen bin ich natürlich immer dankbar.

 

Literatur

 

Ein bekannter Text auf Gutamål ist das von Gustaf Larsson (1893-1985) im 20. Jh. verfasste Gedicht Naudljaus (Notlicht). Larsson war beruflich mit der Landwirtschaft verbunden und  begann sich schon früh für die gotländische Sprache und Kultur zu interessieren. Er dokumentierte Kulturgüter der Insel und verfasste lyrische Texte - auf Schwedisch und Gutnisch. Zum Teil wurde er auch als gotländischer Nationaldichter (nationalskald) umschrieben.

Hier einmal Naudljaus im Original und in einer deutschen Übersetzung:

Naudljaus

Strandild’n vakar pa burgi

Notlicht

Das Strandfeuer wacht auf der Strandkuppe

- Naudljaus för an fatti själ,

- Notlicht für eine arme Seele,

sum dreivar raidlaus ei nidmörkar,

die nest-los in der Finsternis treibt,

däu löisar ei land u vill mi väl.

du leuchtest an Land und willst mir wohl.

Sjoen brautar yvar bräuni,

Die See bricht auf über den Rand,

vill släuke min gamble bat.

will verschlingen mein altes Boot.

Strandild’n vakar ei austar

Das Strandfeuer wacht im Osten

u laidar mi haim ei nat.

und leitet mich heim in der Nacht.

 

Einige Hinweise hierzu: Das beschriebene Notlicht oder Strandfeuer beschreibt ein Leuchtfeuer für Fischer (fiskefyr oder fiskerfyr), das temporär am Strand brannte und den Fischern bei der Navigation half. Diese Feuer wurden oft von den Fischern selbst betrieben und unterhalten. Das Wort burgi bezeichnet im Gutnischen eine Strand- oder Dünenkuppe. Interessant ist, dass Larsson hier das Zahlwort eine mit an statt mit ain wiedergibt (an själ). Alternativ wäre sonst auch die Verwendung des unbestimmten Artikels mit a oder i (zum Beispiel a själ) möglich. Auf Fårö wäre bei nidmörkar und austar auch eine Pluralbildung auf -ur möglich (z. B. nidmörkur oder austur).

Der Text wurde im 1995 auch von der gotländischen Folkband Gunnfjauns Kapell und später von einem lokalen Chor aus Slite / Gotland vertont.

Wer sich für Gustaf Larsson interessiert, dem sei die Gustaf Larsson Sällskapet empfohlen, der ich hier auch für die Möglichkeit der Publizierung des Gedichtes danken möchte!

 

Natürlich gibt und gab es noch andere Autoren, die auf Gutamål geschrieben haben. Gertmar Arvidsson (1922-1989) war zum Beispiel ein bekannter gotländischer Lyriker, der in der zweiten Hälfte des 20. Jh. in die Debatte um eine gemeinsame gutnische Orthographie involviert gewesen war. Arvidsson präferierte eine Schreibweise, die einem genuinen Ansatz entsprach und schwedische Schriftzeichen wie å, ä und ö bewusst ausließ. Die Rechtschreibung in seinen posthum publizierten Texten folgte dem jedoch nicht.

Hier das Gedicht Kväldsgrasä:

Kväldgrasä

Kväldgrasä

Abendgras

Das Abendgras

löysar int mair

leuchtet nicht mehr

de grönä

das Grüne

har kraupä in

ist hinein gekrochen

ei treiä

in den Baum

tystä minnar

stille Erinnerungen

raidar si

ordnen sich

ei sköymningi.

in der Dämmerung

 

Auffallend ist hier, dass der Text noch an mehreren Stellen den Schlussvokal verwendet. In der heute verwendeten Schreibweise des Gutamål wäre es stattdessen ein -e. So würden die beiden Wörter das Gras und der Baum in der bestimmten Form Singular Neutrum heute als treie und gräse im Schriftbild realisiert werden. Gleiches gilt für das Adjektiv still, das als tyste realisiert werden würde. Das Adjektiv grün würde zudem mit einem Diphthong geschrieben werden, also de gröine (oder selbständig stehend de gröinå). Ein Wort wie die Dämmerung würde in der heute verwendeten Schreibweise mit einem zweifachem Schlusskonsonant g geschrieben werden, also sköimninggi oder skäumninggi.

 

Zwei weitere bekannte lyrische Texte auf Gutamål sind die beiden Fassungen von Massgaisten (auch: Marsgaisten, Massgaist`n). Die vermutlich frühere Fassung (Massgaisten rasar) wurde 1878 von dem im Norden Gotlands lebenden Bauern und Lyriker Gotthard Jakobsson (1858–1954) verfasst. Die zweite Fassung (Massgaisten (Massgaisti) veinar (väinar)) ist von Sigrid Kindberg (1886-1977) überliefert. In beiden Versionen wird in bildhafter und lautmalerischer Sprache die Macht der Frühjahrsstürme auf der Insel umschrieben. Gleich ist beiden Fassungen die Zeile Kyldi ei teiar hatar u kleiar, sonst handelt es sich um weitgehend eigenständige Versionen. Der Ausdruck Massgaist setzt sich aus dem Monatsnamen März (mass, mars) und dem gutnischen Ausdruck für beißenden Wind oder Sturm (gaist) zusammen.

 

Nachfolgend jeweils die ersten Strophen beider Fassungen. Alternative Schreibformen oder alternative Übersetzungen sind in Klammern im Text eingefügt.

Massgaisten rasar

Der Märzwind wütet (rast)

Massgaisten rasar, vöir mästn fasar,

Der Märzwind wütet (rast), beinahe geraten wir in Angst (fürchten wir uns),

för lains han far u stjälper (stjölper) si fram.

denn wie er geht und sich voran stürzt (umwirft),

reivar (räivar) ei (äi) trasar nävar u nasar,

zerreisst in Fetzen Fäuste und Nasen,

så att dä (det) mästn riktut jär skam,

so dass es kaum anzusehen ist (beinahe wirklich ein Jammer/eine Schande ist),

drag ei (äi) var stäue (stäuä), vein (väin) ei (äi) var knäut,

zieht hinein in jedes einzelne Haus (Stube), heult in jeder Schlaufe (jedem Knoten),

håugste (hogstä) u snäue alldri (aldri) tar släut.

Husten und Schnupfen wollen niemals enden (nehmen niemals ein Ende).

Ännu voir basar uss (us) framföir brasar

Noch wärmen wir uns vor den Feuern

knafft ätt vöir tåss‘ ga äut.

kaum dass wir wagen hinauszugehen.

 

Massgaisten veinar

Der Märzwind heult (weint)

Massgaisten veinar (väinar), slänggar (slängar) u peinar,

Der Märzwind heult (weint), wirbelt und peinigt,

augu u åiru fulle me (mä) snåi.

Augen und Ohren voller Schnee.

Kyldi (köildi) ei (äi) teiar hatar u kleiar

Die Kälte in den Zehen beißt und reizt (juckt und juckt),

leiktånnar värkar, dei moudar (måudar) tåi.

die Leichdorne schmerzen, es deutet Tau an (es bedeutet Tau).

Nasar bleir (bläir) raude, åirsnapar bla,

 fingrar jär steiv‘ (steive), fastn (fast) hanklar jär pa.

Die Nasen werden rot, die Ohrläppchen blau,

die Finger sind steif, obschon Handschuhe getragen sind (an sind).

Vaim (hvaim) kund‘ nå ane, 

Wer könnte nun ahnen,

att en sleik (släik) mane vöir skudde fa av mass (mars).

dass ein solcher Monat aus dem März werden würde. (wir einen solchen Monat aus dem März bekommen würden).

 

Ein bekanntes gotländisches Wiegenlied ist Fäugeln flaugar inundar himlen häuge (häugä), das auch von einigen gotländischen Musikern interpretiert worden ist. Nachfolgend zwei Strophen mit einer Übersetzung ins Deutsche.

Fäugeln flaugar inundar himlen hauge (haugä)

Der Vogel fliegt unter dem hohen Himmel

Fäugeln flaugar inundar himlen hauge (haugä),

Der Vogel fliegt unter dem hohen Himmel,

flaugar langt, men hittar alltut haim.

flliegt weit, aber findet immer zurück nach Haus.

Gar da sen‘ (sene, sänn) ei (äi) sängg

Geht dann ins Bett

ei (äi) a kungvallsängg,

in einem Maiglöckchenbett,

gåimar näbben under trått vängg.

versteckt den Schnabel unter müdem Gefieder (Flügel).

 

 

Soli skeinar (skäinar) u far han slar ei (äi) ängi,

Die Sonne scheint und Vater mäht die Wiesen,

grassi fallar där för leiu (läiu) ner.

das Gras fällt (dort) vor der Sense nieder.

Kansk‘ an vakkar (vackar) dag

Vielleicht ein schöner Tag

Däu u far u ja

Du und Vater und ich

gar ei (äi) lindarängg u räkar slag.

gehen auf die Lindenwiese und kehren die Schnitte (der Sense) zusammen.

 

Interessant ist hier, dass das attributiv verwendete Adjektiv hauge nicht vor, sondern hinter dem Substantiv himlen steht. Auch interessant ist die für das Gutamål typische Verstärkung über Doppelungen wie bei far han (wörtlich: Vater er).

 

Die Eulenweise (Äugleveisu), die aus dem Dänischen (Uglevise) ins Gutamål gekommen ist, war früher weit verbreitet. Die Weise besteht aus mehreren Strophen und findet sich in mehreren Varianten. Bekannt ist auch eine norwegische Version (Katuglevisa). Auch der dänische Schriftsteller und Theologe Grundtvig knüpfte an die Weise an und nutzte die Eule als Metapher, um menschliche Selbsterkenntnis und Schuld zu behandeln. Im Folgenden eine Strophe in gutnischer und dänischer Sprache mit Übersetzung ins Deutsche.

Gutamål

Dänisch

Deutsch

Kattu har vart mitt syskene-ban (söiskene-ban),

Katten er mit søskendebarn,

Die Katze ist mein Geschwisterkind,

ha har gode (godä) dagar,

han har gode dage,

sie hat gute Tage,

men (män) ja, fault skan (skarn),

fremfor mig, det slemme skarn,

aber ich (im Ggs. zu mir), ich schändlicher (fauler, schlimmer) Schmutz,

ja gyttar sta tillbakar,

jeg må står tilbage,

ich muss zurück stehen,

hvast (vast) ja flaugar äut ellar in (inn),

går jeg ud og går jeg ind,

ob ich heraus oder hinein fliege (gehe),

alle så kräspe (kraspä) di ei (i) mitt skinn.

alle plukke mig mit skind.

alle ziehen mir das Fell über die Haut (kratzen, pflücken sie in meiner Haut).

Ma ja int’ (ikk’) höile?

Må jeg ikke hyle?

Darf ich nicht heulen?

Jå, vöir (vör) ma höile.

Jo, jeg må vist hyle.

Ja doch, wir dürfen (ich darf) heulen.

 

Nachfolgend eine Strophe der altnordischen Hávamál. Die Hávamál umfasst Aussprüche mit Lebensweisheiten, die dem nordischen Gott Odin zugeschrieben wurden.

Gutamål

Altnordisch

Deutsch

A hytte (kutstäue) jär (jer) bättar,

Bú er betra,

Eine Behausung (Hütte) ist besser,

fastn dei ville vare läiti (leiti, leili),

þótt lítit sé,

auch wenn (obwohl) sie klein sei,

haime jär (jer) varge (hvarge, vargu) karl herre;

halr er heima hverr;

Zuhause ist jeder Mann Herr

(Mann ist zuhause Herr);

fastn han (bäre) aigar täu gaitar

þótt tvær geitr eigi

auch wenn (obwohl) er (nur) zwei Schafe besitzt (Eigner von zwei Ziegen ist)

u en me raip (taug) täkkte sal,

ok taugreptan sal,

und einen mit Seilen (Tauen) bedeckten Raum,

de jär (jer) jå bättar än ti (u) tigge.

þat er þó betra an bœn.

das ist doch besser als zu betteln.

 

Etwas freier übersetzt:

Gutamål

Altnordisch

Deutsch

A (i) läiti (leiti, leili) hytte (kutstäue) jär (jer) bättar än ingentingg

Bú er betra, þótt lítit sé,

Eine kleine Hütte ist besser als nichts,

haime jär (jer) varge (hvarge, vargu) karl herre;

halr er heima hverr;

zuhause ist der Mann der Herr;

Har däu täu gaitar u en me raip (taug) täkkte sal,

þótt tvær geitr eigi ok taugreptan sal,

Hast Du zwei Ziegen und ein mit Seilen bedecktes Dach,

tränggar däu int' (ikk') tigge.

þat er þó betra an bœn.

brauchst Du nicht zu betteln.

 

Redewendungen

Die Redewendung Di väis hynsi kan ú värp ei nättlar (Die klugen Hühner können ihre Eier auch in Brennnesseln legen) meint, dass selbst die Klügsten oder Erfahrensten nicht unfehlbar sind. Die Redensart findet sich auch in anderen Sprachen. Im Dänischen heißt es entsprechend Kloge høns kan også gøre (værpe) i nælderne.

Eine andere gotländische Redenswendung ist Ettar kakdagar kummar (kumbar) skrapdagar. Das Wort kake meint süße Backwaren oder Kuchen, darunter auch kakbulle, was ein (süßes) Weizenbrötchen meint. Das Wort skrap verweist auf skrapbulle. Das sind Brötchen, die aus dem Teig gebacken wurde, der aus der Teigschüssel gekratzt oder geschrabt (skrape) wurde (also der restliche, schlechetere Teig). Gemeint ist hier also, dass auf gute Tage auch wieder schlechte Tagen folgen.

Aus dem Bereich des Wetters ist unter anderem überliefert: Sunn' blå nård' snåi, nård' blå sunn' tåi (Südlich blau, nördlich Schnee, nördlich blau, südlich Tau). Ist also der Himmel im Süden blau, soll Schnee von Norden kommen. Ist der Himmel im Norden blau, soll von Süden Tauwetter kommen. Überliefert ist auch: Gra mårgen (mårgän) u raudar kväld (kveld) modar (moudar, måudar) gutt vädar (Grauer Mogen und roter Abend deuten auf (anmuten) gutes Wetter).

Verbreitet sind auch Redewendungen, die auf Lebensmittel Bezug nehmen. Überliefert ist zum Beispiel die etwas derbe Redewendung: Präst‘n u hund‘n förtjänar föidu me munn’n. (Der Pfarrer und der Hund verdienen (beide) ihr Futter mit dem Mund.) Der Ausspruch macht gut die apostrophierten Endungen im Maskulinum deutlich. Statt prästn oder hundn wäre es auch möglich prästen oder hunden zu schreiben. Ein weitere Redewendung aus dem Bereich der Lebensmittel ist: Pärar jär halv föidu (Kartoffeln sind das halbe Essen (Futter)).

Der Ausspruch Lagum jär (jer) aldri haime (Lagom wird niemals heimisch) kann als Kritik an der schwedischen Lagom-Kultur verstanden werden. Lagom kann positiv auf Angemessenheit und Mäßigung, im negativen Sinne aber auch auf Durchschnittlichkeit und Mittelmaß referieren. Der Ausspruch När de kummar (kumbar) ti kreitu (Wenn es hart auf hart kommt, wörtlich: Wenn es zur Kreide kommt) erinnert an eine Zeit, als Schulden in Gasthäusern noch mit Kreide auf einer Tafel notiert wurden. Wenn es zur Kreide kam, sollten also die Schulden beglichen werden.

Die Redewendung Haustnat u banröiv (barnröv) kann ingen (inggen, ingg‘) leit (läit) pa (Einer Herbstnacht und einem Babyhintern kann niemand vertrauen) mahnt Fischer (und Eltern) zur Vorsicht.

Aus dem Deutschen oder den anderen nordischen Sprachen übersetzte Redewendungen wären: Dei bleir (bläir) sum dei bleir (bläir) bzw. Dei jär sum dei jär (Es ist, wie es ist), Dei kummar (kumbar), sum dei kummar (kumbar) (Es kommt, wie es kommt), Kummar (kumbar) teid (täid), kummar (kumbar) rad (Kommt Zeit, kommt Rat) und Sånn jär leive (So ist das Leben).

 

Weitere Redewendungen und Ausdrücke:

Gutamål

Deutsch

Man bihöivar känn si leitn (läitn) iblant (sumteides).

Manchmal muss man sich (auch) klein kennen.

Er har int‘ (ikk‘) seit all dagars kväld (kväll, kveld, aftn, aften).

Ihr habt noch nicht aller Tage Abend gesehen.

Kert ban har mangg‘ namn.

Ein liebes Kind hat viele Namen.

Um ja ljaugar, tar ja inte (ikke) någ för de.

Wenn ich lüge, nehme ich nichts dafür.

Oteitur bat u ainveis (ainväis) källing, de jär di värste tingg pa jårdi.

Ein undichtes Boot und eine sturre Frau, diese sind die betrüblichsten Dinge auf der Welt.

Lukk (stängg, les) duri (diuri, däuri), yppne svaipi, dei drägar um baini.

Schließe die Tür, öffne die Halbtür, es zieht um die Füße (Beine).

Lukk (stängg, les) duri (diuri, däuri) atar (atur, igen), dei drägar kallt um läggar (leggar).

Schließe die Tür wieder, es zieht kalt an den Beinen.

 

Interessant sind die beiden letzten Redewendungen: Im Gutnischen wird der Fuß üblicherweise als bain bezeichnet. Seltener findet sich das Wort fot. Das Bein dagegen wird üblicherweise als legg (lägg) bezeichnet (vgl. englisch leg). Wir finden hier also typische falsche Freunde. Interessant ist auch der gutnische Begriff für schließen. So gibt es das Verb lukke (vgl. dänisch und norwegisch lukke), aber auch stängge, was stärker den Aspekt des Absperrens oder Abschließens betont (vgl. schwedisch und norwegisch stänga/stenge). Das Verb lese meint schließlich das Abschließen mit einem Schlüssel (vgl. schwedisch, dänisch und norwegisch låsa/låse). Das Adverb wieder kann auf Gutamål übrigens sowohl als atar bzw. atur (vgl. schwedisch åtar, dänisch und norwegisch atter) als auch als igen ausgedrückt werden. Das gutnische Wort für Tür ist zudem ein gutes Beispiel für die lautliche (phonologische) Entwicklung im Gutamål. Laute, die geschichtlich auf ein kurzes u vor Konsonanten zurückgehen, wurden im modernen Gutamål in der Aussprache zu iu diphthongiert. Ein Wort wie dur (Tür) wird somit in der Aussprache meist als diur oder auch (wie bei der Entwicklung des langen u zu äu, vgl. däu) als däur realisiert. In der Schriftsprache finden sich somit die Varianten dur, diur und däur (wobei letztere von einigen als fehlerhaft angesehen wird).

 

Nachfolgend eine Übersetzung der norwegischen Redewendung Pløya og inkje så, die als Metapher für vergebliche Bemühungen steht. Wer also sinnbildlich mit viel Aufwand pflügt, darf im Anschluss nicht vergessen zu sähen. Ansonsten würde jede Mühe ins Leere laufen. Wir als Leser werden also erinnert, den entscheidenden letzten Schritt (wie das Säen) oder den entscheidenden Umstand (wie den fehlenden Wind) nicht zu vergessen. Der Ausspruch ist auf Nynorsk überliefert und wurde vom norwegischen Lyriker Olav H. Hauge in Manns vilje og verk zitiert. Hier die Übersetzung aus dem Nynorsk ins Gutnische:

 

Gutamål

Nynorsk

Deutsch

Plöige (plöge) u int' (ikk') sa,

Pløya og inkje så,

Pflügen und nicht sähen,

freie u int' (ikk') fa,

fria og inkje få,

werben und vergehen (nicht bekommen),

sigle (sjegle) me inggen (ingen) vinn (vind),

sigla med ingen vind,

segeln mit keinem Wind,

jär (jer) trei (träi) gagnlause (launlause) tingg.

er tre gagnlause ting.

sind drei nutzlose (vergebliche) Ding‘.


Ähnlich ist es auch bei der folgenden gotländischen Redwendung De jär int' (ikk') värt u (at) gär si ti hund för ett bain (Das ist es nicht wert, sich für einen Knochen zum Hund zu machen). Hier werden Bemühung und Erfolg abgewogen.

 

Ein Ausspruch aus dem christlichen Bereich ist Gu‘ (Gud) traust (tröst) us, um ä kummar (kumbar) ti stårme (stårmä). (Gott tröste uns, wenn es zum Sturm kommt.)

 

Ausrufe und Kraftausdrücke

Natürlich gibt es auf Gutnisch auch Ausrufe und Kraftausdrücke, die hier auch nicht fehlen sollen.

Gutamål

Deutsch

Va ei (i) jivi namn

Was um Himmels willen (wörtlich: Was im ewigen Namen)

Va ei (i) täusn

Was in tausend Namen (wörtlich: Was in tausend)

Va ei (i) fan

Was zum Teufel

Va ei (i) hellvitte (hällvitte)

Was zur Hölle

 

Das Vater Unser

Hier einmal der gutnische Text des Vater Unser, der der modernen schwedischen Fassung des Vater Unser entspricht:

O‘ fadar

Vår fader

O‘ (oe) fadar, däu sum jär (jer) ei himln.

Vår Fader, du som är i himlen.

Lat (lätt) ditt nanm blei (bläi, varde) hailigit

Låt ditt namn bli helgat.

Lat ditt reike (räikä) kumme (kumbe).

Låt ditt rike komma.

Lat din ville ske pa jårdi så sum ei himln.

Låt din vilja ske på jorden så som i himlen.

Gi uss ei dag de braud (bröi) vör (vöir) bihövar (behövar).

Ge oss idag det bröd vi behöver.

U förlåt uss o‘ (oe) skuldar,

Och förlåt oss våra skulder

leiksum (läiksum) vör (vöir) har forlåt däim (dum),

liksom vi har förlåtit dem,

sum star ei skuld till uss.

som står i skuld till oss.

U äutsätt uss ikke (inte) för prövningg

Och utsätt oss inte för prövning

äutn frels (fräls, bifrei) uss fran de åundå.

utan rädda oss från det onda.

Ditt jär (jer) reike (räikä).

Ditt är riket.

Ditt jär (jer) makti u äru

Din är makten och äran

ei ivihait.

i evighet.

Ammen.

Amen.

 

Hier einmal das Vater Unser auf Gutamål, das eher dem Text im Dänischen und Deutschen entspricht:

Fadar oe

Fadervor

Vater Unser

Fader oe, däu sum jär (jer) ei himln (pl. himlar, himlane).

Fadervor, du som er i himlene.

Vater unser im Himmel

Hailigit bleir (bläir, varde) ditt namn,

Helliget blive (vorde) dit navn,

geheiligt werde dein Name.

kumme (kumbe) ditt reike (räikä),

    komme dit rige

Dein Reich komme

ske din ville

ske din vilje

Dein Wille geschehe,

såssum ei himln så ú pa jårdi;

som i himlen således også på jorden;

wie im Himmel, so auf Erden.

gi uss ei dag o`(oe) daglige braud (bröi),

giv os i dag vort daglige brød

Unser tägliches Brot gib uns heute,

u förlåt uss o‘ (oe) skuldar (skuld),

og forlad os vor skyld,

und vergib uns unsre Schuld,

sum ú vör (vöir) forlåtar daim, sum jär (jer) uss skulduar,

som også vi forlader vore skyldnere,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

u laid uss ikke (inte) inn ei frestlse (frästlsä, frestningg),

og led os ikke ind i fristelse,

Und führe uns nicht in Versuchung

men frels (fräls, bifrei) uss fran de åundå.

men fri os fra det onde.

sondern erlöse uns von dem Bösen

För ditt jär (jer) reike (räikä) u makti u äru ei ivihait!

For (Thi) dit er riget og magten og æren i evighed!

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Ammen

Amen

Amen

 

Sagen

Wer sich einige Zeit auf Gotland oder Fårö bewegt, der wird eventuell eine Begegnung mit einem Bysn oder Nissn haben können.

Der Byse (Bysn) ist ein Troll, der in den gotländischen Wäldern lebt. Die Bysar spielen Waldarbeitern Streiche und lassen Wanderer die Orientierung verlieren. Um wieder aus dem Wald herauszufinden, sollte ein Kleidungsstück verkehrt herum getragen werden. Wer sich im Wald respektvoll verhält, sollte jedoch nichts zu befürchten haben.

Min far talt‘ (talte) um, att de var en byse, sum vistedes ei en skog, sum haitar Gyllauän, men sum för de meste kalles för Haidi.

Mein Vater erzählte, dass es einen Byse gab, der sich in einem Wald befand, der Gyllauän hieß, der aber meist Haidi genannt wurde.

Der Nisse (Nissn) lebt auf den Höfen der Menschen und schützt Mensch und Tier vor Unglücken. Wer den Nissn jedoch nicht gut behandelt, dem spielt er Streiche oder zieht auf einen anderen Hof weiter.

Far u mor kåm ti tal‘ um Nissn, u i daires bandom trodes di, att ä var mangg‘ (mangge), sum had‘ Nissn.

Papa und Mama kamen auf den Nisse zu sprechen, und darauf, dass sie in ihrer Kindheit daran glaubten, dass es viele waren, die einen Nissn hatten.

Der Tåmt (Tåmtn) ist eine Entsprechung des Nissn. Wie dem Nissn sollte diesem in der Weihnachtszeit eine Schüssel mit Weihnachtsgrütze (jaulgråit) angeboten werden. Eine weitere Figur aus der Weihnachtszeit ist übrigens der Jaulbukk (Weihnachtsbock).

Ja, tåmtn, sum tales (taläs) um jär (hjär) ei böiknar, jär den (dän) sam‘, sum vör (vöir) kallar för nissn.

Ja, Tåmtn, über den wir hier in den Büchern sprechen, ist der gleiche, den wir Nissn nennen.

Die Sma undar jårdi (Die Kleinen unter der Erde) sind Unterirdische, die unsichtbar in Familienverbänden unter der Erde leben. Wer heißes Wasser auf den Boden schütten möchte, sollte zuvor laut di sma rufen, um diese zu warnen. Bei Bauvorhaben sollte zuvor um Zustimmung der Unterirdischen gebeten werden.

En nöibyggare hadd‘ frågt di sma undar jårdi, um di int‘ var någ‘ hindar ti bygg‘ pa plass‘n.

Ein neuer Siedler hatte die Kleinen unter der Erde gefragt, ob sie nicht ein Hindernis wären, um auf dem Platz zu bauen.

Da hadd‘ han sägt, att en hadd vart för naug di sma undar jårdi, när n hadd‘ hugg‘ jård, u blitt sjaukar därav.

Dann hat er erzählt, dass jemand den Kleinen unter der Erde zu nahe gekommen sei, als er den Boden bearbeitet hatte und davon krank geworden sei.

Päuken ist das gutnische Wort für den Teufel oder das Böse. Der Begriff steht in Verbindung mit dem nordeuropäischen Puk, hat auf Gotland jedoch eine negative Konnotation. Der Begriff ist oft Bestandteil von Ausdrücken oder Ausrufen.

Mangg‘ historjar um päuken kan ja tal‘ um, han har alltut blitt läurn u narrn, stakkel, av hantvärkrar u böindnar.

Ich kann viele Geschichte über den Päuken erzählen, er ist immer ausgetrickst und genarrt worden, der Arme, von Handwerkern und Bauern.

Ja tror (tråur) att själveste päuken har far ei skeithäuse.

Ich glaube, das der leibhaftige Teufel in das … gefahren ist.

Wer sich mit Sagen und Mythen Gotlands befasst, kommt natürlich nicht an Tjelvar vorbei. Tjelvar ist der erste mythische Bewohner Gotlands, der das Feuer auf die Insel brachte. Vor seiner Ankunft versank Gotland jeden Tag im Meer, um in der Nacht wieder neu aufzuerstehen. Tjelvars Sohn Havde (Hafþi) und seine Partnerin Weißstern (Huítastierna) sollen die Vorfahren der modernen Guten (Gotländer) darstellen. Die Erzählung Tjelvars ist Teil der Gutasaga, die zusammen mit dem Gutalag eine in altgutnischer Sprache verfasste Handschrift des Mittelalters bildet, die unter anderem von der Entstehung und Besiedlung, aber auch von Auswanderungsbewegungen und Christianierung Gotlands berichtet. Tjelvar wird auch mit Tjalfe (Thialfi), dem Begleiter des nordischen Gottes Thor, identifiziert. Im östlichen Gotland findet sich die Schiffssetzung Tjelvars Grab.

 

Geschichte

Wer sich für die Geschichte und Vorgeschichte Gotlands interessiert, sei (unter anderem) auf das Gräberfeld von Ajvide an der Westküste Gotlands hingewiesen. Das Gräberfeld ist ein Beispiel für die (spätneolithische) Grübchenkeramische Kultur, die damals in weiten Teilen Skandinaviens dominierend war und sich als Kultur der Jäger und Sammler deutlich von den nachfolgenden indoeuropäischen (indogermanischen) Bauern abhob. Die vor-indoeuropäischen Bewohner Gotlands lebten vermutlich vor allem von Fisch und Robben.

Die ersten indoeuropäischen Siedler kamen dann nach 2.800 v. Chr. als Teil der Schnurkeramik- oder Streitaxtkultur auf die Insel und lebten vermutlich über viele Generationen neben den Vertretern der Grübchenkeramischen Kultur. Sie brachten neue soziale Strukturen, Landwirtschaft, Tierhaltung und vermutlich die indogermanische Sprache (und somit den Vorläufer des modernen Gutnischen) auf die Insel.

In der nordischen Bronzezeit (1800 v. Chr. bis 530 v. Chr.) wurde Gotland schließlich zu einem Knotenpunkt des Ostseehandels. Bis heute prägen Grabhügel und Schiffssetzungen aus jener Zeit die Insel.

Auch in der Wikingerzeit konnte Gotland seine Rolle als Handelszentrum im nordeuropäischen Raum behaupten. Von der späten Eisen- und Wikingerzeit zeugen bis heute die vielen Runen- und besonders die Bildsteine der Insel. Die gotländischen Bildsteine unterscheiden sich von den klassischen Runensteinen dadurch, dass sie Erzählungen der nordischen Mythologie primär mittels Bildern (Schiffe, Mythen, Krieger) vermitteln. Der Bildstein von Tjängvide zeigt zum Beispiel den nordischen Gott Odin auf seinem (achtbeinigen) Pferd Sleipnir. Auch wurden immer wieder Schatzfunde aus der Wikingerzeit gemacht. Ein bekannter Fund ist der Schatz von Spillings bei Slite. Der Schatz ist zusammen mit vielen Bildsteinen heute im Museum Gotlands Fornsal in Visby zu sehen. Die Christianierung soll am Ende der Wikingerzeit unter dem norwegischen König Olaf dem Heiligen stattgefunden haben.

Im Mittelalter wurde vor allem Visby von der Hanse geprägt. Bis heute beeindruckt die mittelalterlich geprägte Stadtkulisse Visbys. Zugleich entwickelte sich innerhalb Gotlands ein Interessenskonflikt zwischen der Handelstadt Visby und den Bauern im übrigen Gotland. Zudem war die Insel zeitweise Rückzugsort für die Piraten der Vitalienbrüder.

Nachdem Gotland sich bereits in der Wikingerzeit unter Avair Strabain unter den Schutz Schwedens begegeben hatte, wurde die Insel 1361 vom dänischen König Waldemar Atterdag eingenommen. 1398 kam sie für kurze Zeit in den Besitz des Deutschen Ordens. Mit dem Frieden von Brömsebro 1645 kam sie schließlich unmittelbar unter schwedischen Einfluss. Die dänische und schwedische Präsens auf der Insel setzte letztlich auch einer frühen Form von staatlicher Selbstständigkeit ein Ende. Ein frühes politisches Zentrum der Insel war Roma. In der Klosterkirche Romas kam das gotländische Ting (Gutnalþing → Alting bzw. Alltingg der Guten) zusammen und hier wurde auch das gotländische Recht (Gutalag, Guterlov) beschlossen, das übrigens keinen König kennt.

Heute hat Gotland im Kontext zunehmender geopolitischer Konflikte wieder eine Schlüsselposition nahe der Nahtstelle zwischen den sich zunehmend nach Westen orientierenden nordischen Ländern und Russland.

Das Wappentier Gotlands ist der Widder, manchmal auch als Lamm interpretiert. Auch die gotländische Inselflagge weist den Widder als zentrales Motiv aus. Hier hält der Widder eine Kreuzstange mit einem roten Banner, das mit einer goldenen Borte abschieß. Das Motiv lehnt sich an das christliche Agnus Dei (Lamm Gottes) an.

 

Geologie

Auch geologisch ist Gotland interessant. Es besteht größtenteils aus Kalkstein, wovon unter anderem die markanten Kalksteinsäulen (Raukar) zeugen. Erdgeschichtlich geht die Insel auf ein Korrallenriff zurück, daher lassen sich auf Gotland bis heute besonders viele Fossilien finden. Die Insel ist letztlich nicht anderes als ein massives Kalksteinplateau (anders als übrigens die Insel Bornholm, die zu einem großen Teil aus Granit und und Gneis besteht). Der Süden Gotlands besteht vor allem aus Sandstein.

Interessant ist auch, dass sich die Landmasse Gotlands mit etwa 1 mm pro Jahr anhebt. Dies Phänomen tritt in weiten Teilen Skandinaviens auf und wird als postglaziale Landhebung bezeichnet. Nachdem die Eismassen am Ende der Eiszeit geschmolzen waren, begann sich das Land wieder zu heben. Die Grenze zwischen Landhebung und Landsenkung (Nulllinie oder Kippkante) verläuft etwa zwischen Jütland und der südlichen Ostsee.

 

Zu einigen Besonderheiten der gutnischen Sprache

Wie an anderen Stellen schon geschrieben zeichnet sich Gutamål durch die vielen Diphtonge aus - und unterscheidet sich so deutlich vom Schwedischen und Dänischen. Sprachgeschichtlich hat Gutamål also nicht (wie das Schwedische und Dänische) den lautlichen Prozess der ostnordischen Monophthongierung durchlaufen, sondern hat (wie die westnordischen Sprachen Isländisch und Färöisch) die altnordischen Diphthonge beibehalten (so heißt altnordisch kaupa, das sich im Schwedischen zu köpa und im Dänischen zu købe entwickelt hat, im Gutnischen weiterhin kaupe) - und hat darüberhinaus noch neue (sekundäre) Dipthonge entwickelt. Ein weiteres Merkmal ist, dass die Konsonanten (anders als im Schwedischen) immer hart ausgesprochen werden.

Es gibt aber auch noch andere Besonderheiten, auch in Bezug zur deutschen Sprache. So meint das Verb laupe (laupä) auch gehen, zu Fuß gehen. Das dt. Verb laufen, rennen wäre im Gutnischen eher ränne (rännä). Ein weiteres interessantes Wort auf Gutamål ist das Verb gleide (gläidä). Es kann sowohl im Wortsinne gleiten, rutschen als auch fahren, reisen bedeuten. Ein Beispielsatz wäre: Di (dair) gleidar (gläidar) me bat’n (Sie fahren mit dem Boot). Interesant ist auch, dass sich neben den Demonstrativpronomen den där/de däru im Gutnischen noch das Pronomen iss (auch: hiss) findet. Ein Beispiel wäre: pa iss teid’n (zu dieser Zeit)

Auch gibt es zwischen dem Deutschen und Gutnischen einige falsche Freunde. Wie oben schon genannt bedeutet das gutnische Wort bain im Deutschen nicht etwa Bein, sondern (in der Regel) Fuß (und Knochen). Auch meint das gutnische Wort a stund nicht eine Stunde, sondern eine Weile oder ein kurzer Augenblick. Andersherum heißt teime (täumä) nicht etwa Zeit, sondern Stunde. Die Zeit wäre im Gutnischen teid (täid).