
Kultur:
Im Folgenden noch einige Gedanken und Anmerkungen zur Kultur und Geschichte Gotlands und Fårös.
Sagen
Wer sich einige Zeit auf Gotland oder Fårö bewegt, der wird eventuell eine Begegnung mit einem Bysn oder Nissn haben können.
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Der Byse (Bysn) ist ein Troll, der in den gotländischen Wäldern lebt. Die Bysar spielen Waldarbeitern Streiche und lassen Wanderer die Orientierung verlieren. Um wieder aus dem Wald herauszufinden, sollte ein Kleidungsstück verkehrt herum getragen werden. Wer sich im Wald respektvoll verhält, sollte jedoch nichts zu befürchten haben. |
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Min far talt‘ (talte) um, att dei var en byse, sum vistedes ei en skog, sum haitar Gyllauän, men sum för de meste kalles för Haidi. |
Mein Vater erzählte, dass es einen Byse gab, der sich in einem Wald befand, der Gyllauän hieß, der aber meist Haidi genannt wurde. |
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Der Nisse (Nissn) lebt auf den Höfen der Menschen und schützt Mensch und Tier vor Unglücken. Wer den Nissn jedoch nicht gut behandelt, dem spielt er Streiche oder zieht auf einen anderen Hof weiter. |
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Far u mor kåm ti tal‘ um Nissn, u i daires bandom trodes di, att ä var mangg‘ (mangge), sum had‘ Nissn. |
Papa und Mama kamen auf den Nisse zu sprechen, und darauf, dass sie in ihrer Kindheit daran glaubten, dass es viele waren, die einen Nissn hatten. |
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Der Tåmt (Tåmtn) ist eine Entsprechung des Nissn. Wie dem Nissn sollte diesem in der Weihnachtszeit eine Schüssel mit Weihnachtsgrütze (jaulgråit) angeboten werden. Eine weitere Figur aus der Weihnachtszeit ist übrigens der Jaulbukk (Weihnachtsbock). |
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Ja, tåmtn, sum tales (taläs) um jär (hjär) ei böiknar, jär den (dän) sam‘, sum vör (vöir) kallar för nissn. |
Ja, Tåmtn, über den wir hier in den Büchern sprechen, ist der gleiche, den wir Nissn nennen. |
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Die Sma undar jårdi (Die Kleinen unter der Erde) sind Unterirdische, die unsichtbar in Familienverbänden unter der Erde leben. Wer heißes Wasser auf den Boden schütten möchte, sollte zuvor laut di sma rufen, um diese zu warnen. Bei Bauvorhaben sollte zuvor um Zustimmung der Unterirdischen gebeten werden. |
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En nöibyggare hadd‘ frågt di sma undar jårdi, um di int‘ var någ‘ hindar ti bygg‘ pa plass‘n. |
Ein neuer Siedler hatte die Kleinen unter der Erde gefragt, ob sie nicht ein Hindernis wären, um auf dem Platz zu bauen. |
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Da hadd‘ han sägt, att en hadd vart för naug di sma undar jårdi, när n hadd‘ hugg‘ jård, u blitt sjaukar därav. |
Dann hat er erzählt, dass jemand den Kleinen unter der Erde zu nahe gekommen sei, als er den Boden bearbeitet hatte und davon krank geworden sei. |
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Päuken ist das gutnische Wort für den Teufel oder das Böse. Der Begriff steht in Verbindung mit dem nordeuropäischen Puk, hat auf Gotland jedoch eine negative Konnotation. Der Begriff ist oft Bestandteil von Ausdrücken oder Ausrufen. |
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Mangg‘ historjar um päuken kan ja tal‘ um, han har alltut blitt läurn u narrn, stakkel, av hantvärkrar u böindnar. |
Ich kann viele Geschichte über den Päuken erzählen, er ist immer ausgetrickst und genarrt worden, der Arme, von Handwerkern und Bauern. |
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Ja tror (tråur) att själveste päuken har far ei skeithäuse. |
Ich glaube, das der leibhaftige Teufel in das … gefahren ist. |
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Wer sich mit Sagen und Mythen Gotlands befasst, kommt natürlich nicht an Tjelvar vorbei. Tjelvar ist der erste mythische Bewohner Gotlands, der das Feuer auf die Insel brachte. Vor seiner Ankunft versank Gotland jeden Tag im Meer, um in der Nacht wieder neu aufzuerstehen. Tjelvars Sohn Havde (Hafþi) und seine Partnerin Weißstern (Huítastierna) sollen die Vorfahren der modernen Guten (Gotländer) darstellen. Die Erzählung Tjelvars ist Teil der Gutasaga, die zusammen mit dem Gutalag eine in altgutnischer Sprache verfasste Handschrift des Mittelalters bildet, die unter anderem von der Entstehung und Besiedlung, aber auch von Auswanderungsbewegungen und Christianierung Gotlands berichtet. Tjelvar wird auch mit Tjalfe (Thialfi), dem Begleiter des nordischen Gottes Thor, identifiziert. Im östlichen Gotland findet sich die Schiffssetzung Tjelvars Grab. |
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Nachfolgend noch einige Sätze zur Geschichte und Geologie Gotlands.
Geschichte
Wer sich für die Geschichte und Vorgeschichte Gotlands interessiert, sei (unter anderem) auf das Gräberfeld von Ajvide an der Westküste Gotlands hingewiesen. Das Gräberfeld ist ein Beispiel für die (spätneolithische) Grübchenkeramische Kultur, die damals vor allem im Küstenbereich Skandinaviens dominierend war und sich als Kultur der Jäger und Sammler deutlich von den im Binneland Skandinaviens siedelnden Bauern der Trichterbecherkultur abhob. Die vor-indoeuropäischen Bewohner Gotlands lebten vermutlich vor allem von Fisch und Robben.
Die ersten indoeuropäischen Siedler kamen dann nach 2.800 v. Chr. als Teil der Schnurkeramik (oder Boot- oder Streitaxtkultur) auf die Insel und lebten vermutlich über viele Generationen neben den Vertretern der Grübchenkeramischen Kultur. Sie brachten neue soziale Strukturen, Landwirtschaft, Tierhaltung und vermutlich die indogermanische Sprache (und somit den Vorläufer des modernen Gutnischen) auf die Insel.
In der nordischen Bronzezeit (1800 v. Chr. bis 530 v. Chr.) wurde Gotland schließlich zu einem Knotenpunkt des Ostseehandels. Bis heute prägen Grabhügel und Schiffssetzungen aus jener Zeit die Insel.
Auch in der Wikingerzeit konnte Gotland seine Rolle als Handelszentrum im nordeuropäischen Raum behaupten. Von der späten Eisen- und Wikingerzeit zeugen bis heute die vielen Runen- und besonders die Bildsteine der Insel. Die gotländischen Bildsteine unterscheiden sich von den klassischen Runensteinen dadurch, dass sie Erzählungen der nordischen Mythologie primär mittels Bildern (Schiffe, Mythen, Krieger) vermitteln. Der Bildstein von Tjängvide zeigt zum Beispiel den nordischen Gott Odin auf seinem (achtbeinigen) Pferd Sleipnir. Auch wurden immer wieder Schatzfunde aus der Wikingerzeit gemacht. Ein bekannter Fund ist der Schatz von Spillings bei Slite. Der Schatz ist zusammen mit vielen Bildsteinen heute im Museum Gotlands Fornsal in Visby zu sehen. Die Christianierung soll am Ende der Wikingerzeit unter dem norwegischen König Olaf dem Heiligen stattgefunden haben.
Im Mittelalter wurde vor allem Visby von der Hanse geprägt. Noch heute beeindruckt die mittelalterlich geprägte Stadtkulisse Visbys.Zugleich entwickelte sich innerhalb Gotlands ein Interessenskonflikt zwischen der Handelstadt Visby und den Bauern im übrigen Gotland. Zudem war die Insel zeitweise Rückzugsort für die Piraten der Vitalienbrüder.
Nachdem Gotland sich bereits in der Wikingerzeit unter Avair Strabain unter den Schutz Schwedens begegeben hatte, wurde die Insel 1361 vom dänischen König Waldemar Atterdag eingenommen. 1398 kam sie für kurze Zeit in den Besitz des Deutschen Ordens. Mit dem Frieden von Brömsebro 1645 kam sie schließlich unmittelbar unter schwedischen Einfluss. Die dänische und schwedische Präsens auf der Insel setzte letztlich auch einer frühen Form von staatlicher Selbstständigkeit ein Ende. Ein frühes politisches Zentrum der Insel war Roma. In der Klosterkirche Romas kam das gotländische Ting (Gutnalþing → Alting bzw. Alltingg der Guten) zusammen und hier wurde auch das gotländische Recht (Gutalag, Guterlov) beschlossen, das übrigens keinen König kennt.
Heute hat Gotland im Kontext zunehmender geopolitischer Konflikte wieder eine Schlüsselposition nahe der Nahtstelle zwischen den sich zunehmend nach Westen orientierenden nordischen Ländern und Russland.
Das Wappentier Gotlands ist der Widder, manchmal auch als Lamm interpretiert. Auch die gotländische Inselflagge weist den Widder als zentrales Motiv aus. Hier hält der Widder eine Kreuzstange mit einem roten Banner, das mit einer goldenen Borte abschieß. Das Motiv lehnt sich an das christliche Agnus Dei (Lamm Gottes) an.
Geologie
Auch geologisch ist Gotland interessant. Es besteht größtenteils aus Kalkstein, wovon unter anderem die markanten Kalksteinsäulen (Raukar) zeugen. Erdgeschichtlich geht die Insel auf ein Korrallenriff zurück, daher lassen sich auf Gotland bis heute besonders viele Fossilien finden. Die Insel ist letztlich nicht anderes als ein massives Kalksteinplateau (anders als übrigens die Insel Bornholm, die zu einem großen Teil aus Granit und und Gneis besteht). Der Süden Gotlands besteht vor allem aus Sandstein.
Interessant ist auch, dass sich die Landmasse Gotlands mit etwa 1 mm pro Jahr anhebt. Dies Phänomen tritt in weiten Teilen Skandinaviens auf und wird als postglaziale Landhebung bezeichnet. Nachdem die Eismassen am Ende der Eiszeit geschmolzen waren, begann sich das Land wieder zu heben. Die Grenze zwischen Landhebung und Landsenkung (Nulllinie oder Kippkante) verläuft etwa zwischen Jütland und der südlichen Ostsee.