
Wie andere Sprachen kennt auch das Gutnische regionale Varianten und Dialekte. Besonders interessant ist der Dialekt der Insel Fårö. Das Fårömål hat oft noch frühere Formen beibehalten, die es so in den anderen regionalen Varianten des Gutnischen nicht mehr gibt. Auffallend sind die vielen Formen mit auslautendem a. So enden die Infinitive auf Fårö auf -a statt auf -e. Ein Wort wie Mädchen heißt auf Fårö peikå oder peika statt peike auf der Hauptinsel. Auch hat der Dialekt auf Fårö eine etwas andere Satzmelodie als die Varianten auf der Hauptinsel. Obschon die Sprecherzahl im 20. Jh. (leider) stark abgenommen hat, lohnt sich ein Blick – auch in Hinblick auf die vielen genuinen Formen.
Einige Hinweise vorab: Die hier geführten Informationen finden sich eingestreut auch auf der Seite über die gutnische Grammatik und werden bei Bedarf noch weiter ausgebaut. Der Begriff Fårömål selbst ist der schwedische. Im Gutnischen heißt es stattdessen Fåröisko oder Fåråiskå.
Die Grammatik entspricht in weiten Teilen der Grammatik der Dialekte der Hauptinsel. Im Folgenden sind vor allem die Formen angerissen, die von den Varianten der Hauptinsel abweichen.
Artikel
Die Artikel in unbestimmter Form (also ein, eine) heißen auf Fårö im Maskulinum ann, im Femininum a und im Neutrum att. Die feminine Form leitet sich geschichtlich vom femininen Zahlwort ain für eine ab.
Im Altgutnischen hießen die unbestimmten Artikel im Maskulinum ann, im Femininum ain und im Neutrum att.
Substantive
Auf Fårö bestehen bei den Substantiven zum Teil noch abweichende Endungen. So hat sich bei Substantiven im Maskulinum in einigen Fällen noch der Schlussvokal -i (statt -e) gehalten. So heißt es zum Bespiel bondi (båundi) statt bonde (båunde). Gleiches Phänomen ist auch für die frühere gutnische Variante in Gothem auf der Hauptinsel dokumentiert. In der bestimmten Form im Plural haben sich noch die Endungen -unar und -ånar gehalten.
|
|
Singular unbestimmt |
Singular bestimmt |
Plural unbestimmt |
Plural bestimmt |
|
|
Maskulinum |
|||
|
Pferd |
(ann) häst |
hästen |
hästar |
hästanar, -anär |
|
Bauer |
(ann) bondi (båundi) |
bonden (båunden) |
böindur |
böinduner, -änär |
|
|
starkes Femininum (=Wort endet auf Konsonanten) |
|||
|
Hand |
(a) hand |
handi, -e |
händur |
händunnar |
|
Nacht |
(a) nat |
nati |
netur |
netunnar, -unnär |
|
|
schwaches Femininum (=Wort endet auf Vokal) |
|||
|
Katze |
(a) kattå |
katta |
kattur |
kattunar |
|
Mädchen |
(a) päikå |
päika |
päikur, -år |
päikunar, -ånar |
|
|
Neutrum (bei Wörtern mit einer Silbe endend auf einen Konsonanten) |
|||
|
Schaf |
(att) lamb |
lambe, - i, -ä |
lammb |
lammben |
|
|
Neutrum (bei Wörtern mit zwei Silben endend auf einen Vokal) |
|||
|
Graben |
(att) däike |
däike |
däika |
däikan |
|
|
unregelmäßiges Neutrum |
|||
|
Ohr |
(att) åira |
åira |
åirun |
åirunen |
Interessant ist hier, dass die bestimmte Form im Maskulinum (die heute mittels -en oder -n umgesetzt wird) früher im Fårömål durch ein -in oder -inn ausgedrückt wurde. Statt batn für das Boot hieß es früher entsprechend batin oder auch batinn. Das -inn (auch -hinn) steht hierbei für den (altnordischen) bestimmten Artikel inn (also bat-inn). Auch die bestimmte Form im Neutrum zeichnet sich auf Fårö und auch in Teilen des nördlichen und nordöstlichen Gotlands zum Teil noch heute durch ein -i statt eines -e aus. So heißt es statt huse für Haus husi (zurückgehend auf den altnordischen bestimmten Artikel im Neutrum mit -it, so dass es früher hus-it hieß).
Pronomen
Die Pronomen entsprechen denen der übrigen Varianten auf der Hauptinsel.
Abweichungen bestehen bei der dritten Person Plural der Personalpronomen (sie). Statt di heißt es auf Fårö (aber auch in der poetischen Sprache) im Maskulinum dair, im Femininum dar und im Neutrum dau.
Auch bei den Possessivpronomen gibt es Abweichungen. So heißt die erste Person Plural (unser) auf Fårö ora und ävvar. Die zweite Person Plural (euer) heißt idra.
Das Demonstrativpronomen iss wird auf Fårö zum Teil mit einem einleitenden h gesprochen. Beispiele sind hissan, hissu, hissa und hitta.
Verben
Anders als in den Varianten der Hauptinsel gibt es im Dialekt auf Fårö noch regulär abweichende Endungen für Person und Numerus (Anzahl), wie am nachfolgenden Beispiel für das starke Verb kommen deutlich wird. So bestehen zum Teil noch eigenständige Endungen für die zweite Personal Singular (kumbort, kåmbst) und für das Plural (kuma im Präsens Plural und kåmo im Präteritum Plural). Im Präsens ist meist die Endung -ur verbreitet (wo die Standardvariante der Hauptinsel -ar verwendet).
|
(zu) kommen |
(ti) kumma |
|
|
|
|
Präsens |
Präteritum |
Perfekt |
Plusquamperfekt |
|
|
ich komme |
ja kumbur, -år |
ja kåmm |
ja har kumi |
ja hadd kumi |
|
du kommst |
däu kumbort, -art |
däu kåmbst |
|
|
|
er kommt |
han kumbur |
han kåmm |
|
|
|
sie kommt |
ha kumbur |
ha kåmm |
|
|
|
es kommt |
dei kumbur |
dei kåmm |
|
|
|
wir kommen |
vör kuma |
vör kåmo |
|
|
|
ihr kommen |
er kume |
er kåme |
|
|
|
sie kommen |
di kuma |
vi kåmo |
|
|
Zum Beispiel in einem Satz: Når däu kumbart itt stykke fram till fyrste gardsvinklu, tak da af pa braudhandi, så kumbart däu leike in ej rauki.
Weitere Beispiele für die starken Verben (mit einem Ablaut im Präteritum) im Fårömål:
|
|
Präsens Singular |
Präsens Plural |
Präteritum Singular |
Präteritum Plural |
|
|
blasen, wehen |
blasa |
blas |
blas |
bles |
bliso |
|
fallen |
falla |
falldur |
falldur |
fjäll |
fjällo |
|
fließen |
flauta |
flautur |
flauta |
flaut |
fluto |
|
gehen |
ga |
gar |
gar |
gikk |
gingo |
|
heißen |
haita |
haitur |
haitur |
hait |
hito |
|
helfen |
jällpa (hjällpa) |
jällpur (hjällpur) |
jällpur (hjällpur) |
halp |
hulpo |
|
laufen, gehen |
laupa |
laupur |
laupur |
laup |
lupo, lupu |
|
spielen |
laika |
laikur |
laikur |
laik |
liko |
Interessant ist, dass zum Beispiel das Verb laika (spielen) auf Fårö noch als starkes Verb mit Ablaut im Präteritum Plural (liko) realisiert wird, im übrigen Gotland dagegen als schwaches Verb ohne Ablaut (also ohne Veränderung des Stammvokals). Im Storlandsmål der Hauptinsel heißt es im Präteritum entsprechend laikede (laikädä), abgekürzt/apostrophiert zu laiked' (laikäd'), oder mit der te-Endung laikte (laiktä). Ebenso bei dem Verb laupa (laufen, gehen).
Insbesondere bei schwachen Verben kennt das Fåromål im Präteritum Singular noch Endungen auf -i. Dies wird am nachfolgenden Beispiel für das Modalverb können und das Hilfsverb haben deutlich. Wo auf der Hauptinsel die Endungen -de (-dä) und -te (-tä) verwendet werden, sind dies auf Fårö oft -di und -ti. Das Muster gleicht ansonsten dem des Gutamål auf der Hauptinsel: In den Fällen, in denen der Verbstamm auf einen stimmhaften (sonoren) Konsonanten (wie g, l, m, n oder r) endet, folgt im Fårömål ein -di (statt -de im übrigen Gotland) und in den Fällen, in denen der Verbstamm auf einen stimmlosen Konsonanten (wie p, t, k oder s) endet, folgt ein -ti (statt -te im übrigen Gotland). Bei l, m oder n sind oft auch beide Endungen möglich. Im Präteritum Plural folgt auf Fårö dann oft ein -o.
|
(zu) können |
(ti) kuna |
|
|
|
|
Präsens |
Präteritum |
Perfekt |
Plusquamperfekt |
|
|
ich kann |
ja kan |
ja kundi |
ja har kunnt |
ja hadd kunnt |
|
du kannst |
däu kanst, kannst |
däu kundi |
|
|
|
er kann |
han kann |
han kundi |
|
|
|
sie kann |
ha kann |
ha kundi |
|
|
|
es kann |
dei kann |
dei kundi |
|
|
|
wir können |
vör kunå, kuno |
vör kundo, kundu |
|
|
|
ihr können |
er kune |
er kundo, kundu |
|
|
|
sie können |
di kunå, kuno |
vi kundo, kundu |
|
|
Weitere Beispiele für die Bildung des Präteritums im Fårömål wären (anhand des schwachen Verbs sagen) säggdi (für das Präteritum Singular) und säggdo (für das Präteritum Plural). Auf der Hauptinsel lautet das Präteritum im Singular und Plural jeweils sägde (sägdä). Ein Satz im Präteritum Plural wäre: Vör (vöir) fingo mike fisk (Wir fingen viel Fisch).
Zahlen
Die Zahlen entsprechend denen der Varianten auf der Hauptinsel. Abweichungen gibt es zum Beispiel bei der Zahl ein(s) im Maskulinum, die auf Fårö ann (statt ein) heißt.
Anders als auf der Hauptinsel wird auch die Zahl zwei dekliniert: Dem Zahlwort täu auf der Hauptinsel entsprechen somit auf Fårö die folgenden Varianten.
|
|
|
Beispiele |
Vgl. |
|
Maskulinum |
tvair |
tvair sorkar (zwei Jungen) |
anord. tveir |
|
Femininum |
tvar |
tvar peikur (zwei Mädchen) |
anord. tvær |
|
Neutrum |
tu |
tu hus (zwei Häuser) |
anord. tvau |
Vom y zum öi
Der auf das dänische ø und schwedische ö (und letztlich auf das altnordische œ) zurückgehende Diphthong öi (öy) breitete sich auf Fårö nicht mit gleicher Geschwindigkeit und Intensität wie auf der Hauptinsel aus. Noch bis Ende des 19. Jh. fanden sich viele Formen mit y statt öi. Statt för hieß es zum Beispiel fyr. Noch heute heißt das Fragewort warum auf Fårö varfyri (statt varför oder hvaför auf der Hauptinsel).
Vergleiche
Interessant sind auch die Vergleiche zu anderen Dialekten. Unterschiede bestehen bei den Artikeln und zum Teil bei den Possessivpronomen, aber auch bei den Endungen der Substantive.
So heißt Frau im Gutnischen kone, im Laumål (dem Dialekt an der östlichen Küste Gotlands um den Ort Lau herum) oft mit der Endung -å (also kunå) und im Fårömål mit der Endung -a (also kuna) realisiert.